Unsere Story

Electronics Watch ist eine unabhängige Monitoring-Organisation, die öffentliche Auftraggeber dabei unterstützt, ihre Verantwortung für den Schutz der Arbeitsrechte in der globalen Lieferkette der Elektronikindustrie wahrzunehmen – und zwar effektiver und kostengünstiger als es im Alleingang möglich wäre.

Die Industrie

Im letzten Jahrzehnt hat sich die Elektronikindustrie zu einem der weltweit größten Wirtschaftszweige entwickelt. Sie beschäftigt schätzungsweise 18 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter und generiert 25% des Welthandels mit Industriegütern. Die Markenhersteller der Branche gehören zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Foxconn, ein Auftragsfertiger von Elektronikprodukten, ist weltweit der zweitgrößte private Arbeitgeber (2016).

Das Wachstum der Branche ging aber auch auf Kosten der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Seit den 1980er Jahren haben Markenhersteller arbeitsintensive Tätigkeiten in Niedriglohnländer rund um die Welt ausgelagert, darunter nach Südostasien, China, Indien, Osteuropa und Mexiko.

Die Branche ist durch häufige Neuentwicklung von Produkten, kurze Produktlebenszyklen, schwankende Nachfrage, unsichere Produktionsprognosen und minimale Lagerbestände der Markenhersteller charakterisiert. Zu den Folgen gehören starke Schwankungen des Produktionsniveaus, späte Auftragserteilungen und Auftragsänderungen mitten im Herstellungsprozess. Immer komplexere Produkte müssen „just in time“ gefertigt werden, und die Produkteinführungszeiten – die Zeit von der Entwicklung eines Produkts bis zu seinem Angebot auf dem Markt – werden immer kürzer. Jede Verzögerung in der Lieferkette ist kostspielig, und der Preisdruck verringert den verbleibenden Spielraum weiter.

Es sind die Arbeiterinnen und Arbeiter, die den Stress und die Hektik in der Produktion am stärksten zu spüren bekommen. Hersteller verlangen übermäßige Überstunden, um Aufträge rechtzeitig liefern zu können, und setzen zunehmend ZeitarbeiterInnen ein – oft MigrantInnen, Leiharbeitskräfte oder Studierende -, die weniger verdienen, geringere Sozialleistungen erhalten und sich gegen Missbrauch schlechter zur Wehr setzen können als die Stammbelegschaft. In einer Reihe von Ländern wurden arbeitsrechtliche Vorschriften gelockert, um den Einsatz von ZeitarbeiterInnen durch Unternehmen zu erleichtern.

Der Zeit- und Kostendruck in der Produktion führt oft zu Konflikten mit grundlegenden Arbeitsrechten wie dem Verbot von Zwangsarbeit, Kinderarbeit und Diskriminierung, der Vereinigungsfreiheit und dem Recht auf Kollektivverhandlungen. Für demokratische und unabhängige Gewerkschaften ist es schwierig bis unmöglich, die rasch steigende Zahl der ZeitarbeiterInnen zu organisieren; die meisten von ihnen haben daher kaum eine Chance, ihre Arbeits- und Anstellungsbedingungen durch Kollektivverhandlungen zu beeinflussen, und sie haben keinerlei Zugang zu wirksamen Beschwerdeverfahren. Das Ergebnis: Die ArbeiterInnen sind immer weniger in der Lage, sich gegen andere Missstände zur Wehr zu setzen, darunter gravierende Sicherheits- und Gesundheitsrisiken wie etwa ein ständiger Kontakt mit krebserregenden Chemikalien.

Die Electronics Watch-Lösung

Electronics Watch ist überzeugt, dass der öffentliche Sektor, in seiner Rolle als Kunde der Branche, dazu beitragen kann, diese Situation zu verändern. Im öffentlichen Sektor haben soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit sowie Transparenz und fairer Wettbewerb einen hohen Stellenwert. Öffentliche Institutionen sind Großabnehmer von IKT-Hardware wie Laptops und PCs, Druckern, Bildschirmen und Speichermedien, und sie erwerben diese Produkte auf Grundlage langfristiger Verträge. Sie sind daher in der Lage, Marktchancen für Unternehmen zu schaffen, die sich zur Achtung der Arbeitsrechte und zur Einhaltung von Sicherheitsstandards in globalen Lieferketten verpflichten, und sie können sie zur Rechenschaft zu ziehen, falls sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.

Electronics Watch organisiert öffentliche Auftraggeber und stellt die Instrumente bereit, die sie benötigen, um eine wirksame Nachfrage nach fairen Arbeitsbedingungen in ihren Lieferketten von IKT-Produkten zu schaffen. Als Mitglieder von Electronics Watch bündeln öffentliche Institutionen Ressourcen, um sich zu signifikant geringeren Kosten zuverlässige Informationen über Arbeitsbedingungen zu verschaffen. Sie integrieren die Electronics Watch Vertragsbedingungen in ihre Lieferverträge für IKT-Produkte und verpflichten derart ihre Zulieferer, für die Einhaltung der Arbeitsrechte und Sicherheitsstandards in den Fabriken zu sorgen, wo die von ihnen erworbenen Produkte oder deren Komponenten hergestellt werden. Wenn öffentliche Auftraggeber in vielen Ländern zusammen aktiv werden, auf Basis derselben Informationen über die Lieferketten und identischer, durchsetzbarer Vertragsbestimmungen, können sich die Arbeitsbedingungen verbessern.

Electronics Watch ging aus einem Projekt hervor, das von 2013 bis 2015 von der Europäischen Kommission mit einer Million Euro gefördert und von der spanischen NGO SETEM geleitet wurde. Die weiteren Projektpartner waren Centrum CSR (Polen), DanWatch (Dänemark), People and Planet (Vereinigtes Königreich), SOMO (Niederlande), Südwind (Österreich) und WEED (Deutschland). Dieses Konsortium nahm die Elektronikindustrie unter die Lupe und entwickelte Mustervertragsbedingungen, einen Arbeitsrechtskodex („Code of Labour Standards“) und andere Beschaffungsinstrumente, die mit den EU-Richtlinien zur öffentlichen Beschaffung in Einklang stehen. Die Projektpartner organisierten Bildungsforen, traten in Dialog mit öffentlichen Auftraggebern in vielen Regionen in ganz Europa und konnten schließlich die ersten Mitglieder für Electronics Watch gewinnen. Das Projekt wurde 2015 abgeschlossen, und Electronics Watch ist nun eine von den ursprünglichen Projektpartnern unabhängige Organisation. Viele dieser Partner sind aber weiterhin aktiv, leisten Öffentlichkeitsarbeit zu sozial verantwortlicher öffentlicher Beschaffung und informieren über die Arbeitsbedingungen in der globalen Elektronikindustrie